Freitag, 28. Mai 2010

Vaters Zahnstocher

,,Vaters Zahnstocher

Es ist echt ärgerlich, dass ich mich nicht genau daran erinnere, wie alt und in welcher
Klasse ich war. Macht aber nichts. Was aber hundert prozentig sicher ist, ist, dass ich noch sehr jung war und zu jener Zeit im Dorf bei meinen Eltern wohnte. Ich war ein sehr neugieriges Kind, vielleicht bin ich es noch, weiß ich nicht. Ich stöberte immer in den Sachen meiner Eltern vor allem in denen meines Vaters herum. Mich interessierten besonders seine Fotos, wie er aussah, als er noch jung war, ob ich ihm in seiner Kindheit und Jugend ähnlich sah. Eine andere Tatsache war und ist immer noch, dass mein Vater, obgleich er die Schule nicht besucht hat, alle Urkunden und Papiere bewachte und immer noch bewacht, die er bekam und bis jetzt bekommt. Ich las gerne alles und das machte mir echt viel Spaß. Als er zurückkam und merkte, dass seine Sachen, die er immer sehr gut aufräumte, nicht mehr in Ordnung waren, fragte er total zornig uns alle, aber ich gab nie etwas zu. Eines Tages war Vater auf dem Feld, Mutter und die anderen Geschwister waren alle nicht da auch. Ich war also ganz alleine im Haus. Da fing ich an mit meiner üblichen Arbeit. Ich ging in Vaters Schlafzimmer, holte mir einen Stuhl und setzte mich vor seine Schublade. So, jetzt habe ich genug Zeit, sagte ich lächelnd und mir die Hände reibend. Ich zog sie raus. Ich fand darin natürlich Papiere und zwei seltsame fast unsichtbare alte Fotos. Ich konnte ihn da nicht gut erkennen. Dazu fand ich aber jenes Mal noch etwas anderes: Viele sehr kleine Wurzeln. Oh ,was ist das denn noch? Fragte ich. Die Wurzeln sahen aus wie Zahnstocher, die wir gewöhnlich bei uns gerne kauen. Bei uns ersetzen manchmal die Zahnstocher die Zahnbürste und Creme. Ich meine, wir benutzen sie, um uns irgendwann die Zähne zu putzen und das ist überhaupt nicht erstaunlich. Ich nahm mir also einen und kaute ihn. Hmm er hatte einen speziell guten Geschmack. Gar nicht bitter, aber einfach ölig wie ein leicht geräucherter Fisch. Ich nahm also noch einen zweiten und einen dritten und einen vierten und einen fünften und einen sechsten. Es waren echt sehr leckere und fesselnde Wurzeln, ich meine, Zahnstocher. Ich beschäftigte mich ganz seriös mit ihnen und warf keinen Blick mehr auf die anderen Sachen. Ich aß sie sehr gut mit Appetit und trank dazu ein Glas Wasser. Warum sie da in der Schublade lagen und wozu sie dienten, interessierte mich gar nicht zu wissen. Um 20 Uhr kam Vater zurück nach Hause. Ja, es war üblich bei ihm. Er kam nie früh vom Feld nach Hause. Als man ihn darauf aufmerksam machte, dass es schon Abend und dunkel werde und dass man also nach Hause müsse, antwortete er immer: Nein, nein Kinder bleibt ihr cool, es ist noch nicht dunkel. Es seien die Wolken, die die Sonne davon hindern, gut zu scheinen. Er war also im Haus und ging sehr schnell in sein Schlafzimmer, um sich umzuziehen. Danach fing er an zu überprüfen, ob seine Sachen in Ordnung geblieben waren. Er zog seine Schublade raus und da merkte er sofort, dass einige seiner Zahnstocher, ich meine Wurzeln, fehlten. Zornig kam er raus und fragte energisch: Wer hat in meiner Schublade herumgestöbert und meine Zahnstocher geklaut? Er schrie so stark im Haus, dass ich plötzlich große Angst bekam. Mit einer zitternden und leisen Stimme gab ich dieses Mal zu, dass ich es war.

Ich Vater.

Hier her! Sagte er.

Ich kam mit einem gesenkten Kopf.

Warum hast du meine Zahnstocher geklaut? Fragte er immer noch zornig. Ich sagte nichts, er fragte mich wieder, ich sagte nichts, er fragte zum dritten Mal, ich antwortete ganz leise:

Weil sie sehr ölig und lecker waren.

Oh mein Gott, du wirst dir ernste Komplikationen holen wegen deiner großen Scheißesslust. Weißt du, warum sie da liegen? Weißt du welche Rolle sie spielen?

Schrie er in meine Ohren.
Nein, antwortete ich ängstlich und ganz leise.

Wie viele hast du gekaut?
Fragte er noch. Ich antwortete: Ich weiß nicht genau. Zwischen fünf und sechs.

Ach was, du bist doch noch zu jung dafür. Das ist aber zu viel für dich vor allem für dein Alter.
Das kannst du ja nicht vertragen.
Da verstand ich ehrlich nichts von dem, was Vater jetzt sagte und ich hatte richtig Angst.
Ich wollte jetzt unbedingt wissen, wozu jene Wurzeln, die ich geklaut hatte, überhaupt dienten. Ich hob meinen Kopf und fragte ihn leise:
Papa, wozu dienen sie und warum kann ich sie nicht ertragen?

Mach deinen Scheißmund zu! Sagte er mir zornig. Er wollte meine Frage nicht beantworten und ich wusste nicht warum. Er entschied sich aber dann nach einigen Minuten etwas zu sagen. Er blickte mir ganz direkt ins Gesicht und sagte:

Unhöfliches Kind. Tue das nie mehr, verstanden?
Wenn man diese Wurzeln kaut , wie du es gemacht hast, kriegt man irgendwo und irgendwann einen sehr starken und unkontrollierbaren Ständer."

0 Kommentare:

Kommentar veröffentlichen